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ETHIK UND ÄSTHETIK DES DÄMMENS

Ein Kommentar von Andreas Hanke, dem Architekten und Geschäftsführer der Stadtbildplanung Dortmund GmbH


ZWEI THESEN ZUR ETHIK UND ÄSTHETIK DER WÄRMEDÄMMUNG IN DEUTSCHLAND

These 1: George Mallory und der Mount Everest oder: Natürlich ist Fassadendämmung heute notwendig

Am späten Morgen des 1. Mai 1999 findet der amerikanische Alpinist Conrad Anker den britischen Bergsteiger George Mallory an der Nordflanke des Mount Everest in einer Höhe von 8.300 Metern. George Mallory war zuletzt 75 Jahre zuvor, am 8. Juni 1924, 400 Meter unterhalb des Gipfel gesehen worden, bevor er und sein Gefährte James Irvine in den Nebel gingen und nicht wieder kehrten.

 

Moderne Mittel sind zu nutzen

Das Bemerkenswerte: Mallory wurde in seiner hervorragend erhaltenen Bekleidung gefunden. Er hatte seinen waghalsigen Gipfelsturm vor fast einem Jahrhundert lediglich mit mehreren Lagen einfachster Wollunterwäsche und einem leichten Anzug aus Gabardine angetreten. Kein heutiger Alpinist würde sich in solch einer schlichten Montur in diese Höhen begeben, geschweige denn einen Versuch an der berüchtigten Nordflanke des Mount Everest wagen. Heute gibt es für jedes einzelne Anwendungsgebiet perfektionierte Funktionskleidung, ohne die ein derartiges Unterfangen undenkbar scheint.

 

Von der Bergsteigerkleidung zur Wärmedämmung

Als ich vor einigen Wochen gebeten wurde, einen Kommentar zur Diskussion der Wärmedämmung in der modernen Architektur zu schreiben, fühlte ich mich sofort an diese Geschichte erinnert: Der doch eigentlich so selbstverständliche wie einfache Imperativ der Vernunft, der heutigen Bergsteigern die geeignete Ausrüstung anbefiehlt, gebietet auch uns Architekten die Nutzung heutiger Möglichkeiten der Wärmedämmung bei den von uns zu planenden Bauten.

 

Die Diskussion ums Dämmen

Nun hat die Architektur eine lange Tradition, in der grundlegende Neuerungen stets zu kontroverser Diskussion führten. Doch betrachten wir die Frage des Dämmens einmal nüchtern und beschäftigen wir uns mit unserer zeitgenössischen Architektur und der Ethik und Ästhetik der Wärmedämmung – aus der Sicht eines Architekten in der Gegend, in der sie mit die größte Rolle spielt, dem Ruhrgebiet.



Die Architektur hat eine lange Tradition, in der grundlegende Neuerungen stets zu kontroverser Diskussion führten.

Andreas Hanke, Architekt



Die Perspektive: Ein Architekt aus Dortmund

Ich bin aufgewachsen im Ruhrgebiet, dem Ballungsraum Deutschlands, der aufgrund der Zerstörungen im zweiten Weltkrieg kaum erhaltenswerte historische Architektur besitzt und dessen Gebäude fast vollständig aus den ausschließlich zweckdienlichen Architekturen der Nachkriegsmoderne errichtet wurden. Die Stadtbilder des Ruhrgebiets wuchsen zwischen den beiden Polen des Funktionalismus und des Subjektivismus. Das punktuelle Funkeln der Moderne mit seinem “form follows function” wurde durch die so wertvolle Improvisationsneigung der Ruhrgebietler in ein flächendeckendes “anything goes” verwandelt.

 

Erst Ethik, dann Ästhetik

In einer solchen baulichen Wirklichkeit erscheint der so häufig wiederholte Vorwurf, die Dämmung bedeute einen Gesichtsverlust unserer Städte und hätte eine Einheitsarchitektur zur Folge, zunächst als Themaverfehlung. Er überdeckt gänzlich die Diskussionen um etwas grundsätzlich Sinnvolles wie das Senken unseres Energieverbrauchs und das zentrale Vorhaben meiner täglichen Arbeit, die großen Wohnquartiere der Ruhrgebietsstädte wieder lebenswert zu gestalten.

 

Back to basics

Es geht hier im Revier an der Ruhr unter anderem darum, Wohnraum auch für die Menschen bezahlbar zu halten, die nicht die gängigen Neubaumieten erwirtschaften können. An die Texte der intellektuellen Architekturkritik denkt man hier zunächst weniger, eher schon an die Grundbedingungen sozialer Koexistenz, wie z. B. die Würde des einzelnen Bewohners, auch wenn er in einer Großsiedlung lebt. Diese großen Wohnquartiere der 70er Jahre im Ruhrgebiet werden zunehmend mit einer ablesbaren Architekturgestaltung versehen, die Sie aufgrund industrieller Elementbauweise nie besessen haben, um an einen Geist anzuschließen, der die Versorgung mit Wohnraum als ethische Pflicht in den Nachkriegsjahrzehnten der Bundesrepublik angesehen hat.

 

Der Imperativ der Vernunft

Oder, zurück zu Mallorys Geschichte und dem in ihr enthaltenen Imperativ der Vernunft: Die Akzeptanz und Anwendung des wirksamen Neuen und die praktische Überwindung des überholten Alten.





These 2: Die venezianische Maske, oder: Gesichtsverlust in der Architektur?

Wärmedämmung ist heute also schlicht bauliche Realität aus einer reellen Notwendigkeit heraus. Der in diesem Zusammenhang immer wieder beschriebene vermeintliche Gesichtsverlust von Architekturen durch die heutige Wärmedämmung erinnert an das zunächst negativ konnotierte Symbol der Maske: Verschwinden hier die Gesichter unserer Städte hinter anonymen Masken?

 

Ist die Qualität von Architekturen wirklich eine Frage der aktuellen Baumethode?

Oder vielleicht ist die venezianische Maske, die zur Verkleidung des Pulcinella und der Figuren der commedia dell’arte dienten, eine passendere Metapher für die “Verkleidung” von Gebäuden unserer Zeit. Möglicherweise folgen unsere Strategien und Gedanken zur Wandlung namenloser Gebäude in lebenswerte Wohnräume dem Prinzip dieser venezianischen Maske, die verwendet wurde, um neue Figuren zu erzeugen – gesichtslosen Figuren erst ihre Identität zu geben.

 

Wärmedämmung als architektonische Chance

Die Wärmedämmung und ihre Ästhetik als Teil des Äußeren von Gebäuden liegen, wie alle Baustoffe, in der gestalterischen Kompetenz ihres Anwenders. Für jedes bedauerliche Beispiel einer schützenswerten Fassade, die nach liebloser Planung hinter einer Dämmschicht verschwunden ist, finden sich dutzende unansehnliche Betonoberflächen, die erst durch ästhetisch gekonnt angewandte Wärmedämmung Dreidimensionalität, Struktur, Identität erhalten haben. Dafür braucht es nur Architekten, die dieses Potenzial nutzen.

 

Maske oder venezianische Maske?

In einer ultraindividualistischen Gesellschaft hat das Wort des Einzelnen oft Vorrang vor den Grundzügen der handwerklichen Architekturgestaltung. Die Ethik der Wärmedämmung liegt allein im Vernunftgedanken, ein sinnvolles und ästhetisches Gebäude mit Verantwortung zu denken, zu bauen oder zu modernisieren.

 

Die Architektur als Ausdruck der Menschen - nicht anders herum

Jürgen Osterhammel schreibt 2009 in seinem großartigen Buch über das 19. Jahrhundert, “Die Verwandlung der Welt”, vielleicht schon das Fazit zur Dämm-Diskussion, auch wenn es um die Erklärung der Vergangenheit von Städten geht: “Es ist nicht nötig anzunehmen, in gebauten Stadtlandschaften drücke sich der «Geist» einer Gesellschaft aus. Einfacher ist es, nach den artikulierten Ideen der Zeitgenossen über das Wesen der Stadt zu fragen.”

 

Fazit: Anderswo geht’s doch auch...

Neben den vielen möglichen Kritikpunkten zu diesen persönlichen Thesen geht mir abschließend noch ein bisweilen neidvoller Gedanke durch den Kopf: Das Wesen der Stadt von heute lässt sich ganz wunderbar in Holland ablesen. Das Land, dessen Jugendliche weltweit mit der größten Zuversicht in ihr weiteres Leben blicken, hat sich Städte mit Wärmedämmung gebaut, auf ermüdende Diskussionen dazu verzichtet und stattdessen positive Stadtbilder realisiert. Diese Bilder einer neuen Stadt vermitteln bei jedem Betrachter einen großartigen und bleibenden Eindruck. Da kommen wir auch noch hin. Die Zukunft wird gut.


ÜBER DEN AUTOR

Andreas Hanke ist Architekt. Er wurde 1962 in Deutschland geboren und begann mit 19 Jahren das Architekturstudium in Hagen und Düsseldorf. 1994 war er Lehrbeauftragter an der Bergischen Universität Gesamthochschule Wuppertal für Architektur, Entwurf und Baukonstruktion. 1995 gewann er den Architekturpreis Beton. 2000 gründete er sein eigenes Architekturbüro Andreas Hanke Architekt, 2006 die Stadtbildplanung Dortmund GmbH. Das Wohnen in Quartieren und Stadtteilen ist Schwerpunkt seiner Arbeit, seine Spezialitäten sind die Sanierung, Modernisierung und Weiterentwicklung von Großwohnanlagen in sozialen Brennpunkten sowie der Rück- und Neubau von Wohnquartieren.


20.09.2019 10:43:32