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KRITIK DER DÄMMKRITIK

Im Gastbeitrag entkräftet Günther Hartmann die in der medialen Berichterstattung gängigen Argumente gegen eine Wärmedämmung.


MEDIENBERICHTE VERURSACHEN BEI EXPERTEN HÄUFIG KOPFSCHÜTTELN

Der Gebäudebereich spielt in der Energiewende eine entscheidende Rolle

Fast ein Drittel des deutschen Endenergieverbrauchs dient allein zur Erzeugung von Raumwärme. Hier existiert ein gewaltiges Einsparpotenzial. Und das Gute: Es braucht dazu keine bahnbrechenden Innovationen. Alles Notwendige ist schon längst Stand der Technik und hat sich am Markt etabliert. Dazu zählt auch die Wärmedämmung. Trotzdem hat sie es geschafft, dass in letzter Zeit mehrere Medien negativ über sie berichteten. Auch Medien, die eigentlich für einen qualitätsvollen Journalismus bekannt sind. Beim Thema “Energieeffizientes Bauen und Sanieren” blieben sie jedoch weit unter ihrem sonstigen Niveau.





Medienberichte verursachen Kopfschütteln bei Experten

Die Berichte waren durchwegs schlampig recherchiert und zeigten, dass die Autoren weder in der Begriffswelt zuhause waren, noch einfache Zusammenhänge verstanden. Das ist normal, aber es wurde auch gar nicht erst versucht, Begriffe und Zusammenhänge zu verstehen. Stattdessen versuchten sie, das Thema zum Skandal aufzubauschen und eine Art Verschwörung anzudeuten. Doch dazu taugt es nicht. In der Fachwelt stießen die Berichte nur auf Unverständnis und Kopfschütteln.

 

Die gängigen Gegenargumente

“Dämmwahn”, “zu Tode gedämmt”, “Volksverdämmung”, “verdämmt in alle Ewigkeit” – das waren typische Wortspiele, die dazu herhalten mussten, die Wärmedämmung zu verunglimpfen. Von “Schwindel”, ”Betrug” und einem “falschen Spiel der Lobbyisten” war oft die Rede. Die inhaltlichen Aussagen reichten von “Wärmedämmung spart keine Energie” über “die vorher errechneten Einsparungen traten nicht ein” bis hin zu “Wärmedämmung ist unwirtschaftlich und lohnt sich nicht”. Wie sich denn nun aber die Ziele Energiewende und Klimaschutz besser erreichen lassen – diese Frage wurde seltsamerweise niemals gestellt, geschweige denn beantwortet. Deshalb ist es angebracht, die vorgebrachten Behauptungen nüchtern und ohne paranoide Ängste zu betrachten.



Wärmedämmung spart immer Heizenergie. Die Frage ist nur: Wie viel? Und: Ist die Wärmedämmung im konkreten Einzelfall die effizienteste Maßnahme?

Günther Hartmann, Landesinnungsverband des Bayerischen Zimmererhandwerks



Behauptung 1: Wärmedämmung spart oft gar keine Energie ein

Dass Wärmedämmung keine Heizenergie spart, ist schon rein physikalisch unmöglich. Warum sollte das 1822 veröffentlichte “Fouriersche Gesetz der Wärmeleitung” plötzlich heute im Gebäudebereich nicht mehr gelten? Wärmedämmung spart immer Heizenergie. Die Frage ist nur: Wie viel? Und: Ist die Wärmedämmung im konkreten Einzelfall die effizienteste Maßnahme, also die mit dem besten Aufwand-Nutzen-Verhältnis? Meist ist sie das, aber eigentlich sollte eine energetische Sanierung aus einem schlüssigen Konzept mit aufeinander abgestimmten Maßnahmen bestehen: aus der Dämmung der Außenbauteile, dem Austausch der Fenster sowie einer Modernisierung der Heizungsanlage.

Welche Maßnahmen in welchem Umfang sinnvoll sind, lässt sich pauschal nicht sagen, sondern muss bei jedem Gebäude durch entsprechende Berechnungen ermittelt werden. Das Ergebnis hängt ab von den baulichen Besonderheiten, dem gewünschten Ziel und dem zur Verfügung stehenden Budget. Lassen sich aus finanziellen Gründen nicht alle Maßnahmen in einem Aufwasch durchführen, sondern nur im Abstand von einigen Jahren, dann sollte das Dämmen gleich am Anfang erfolgen. Denn würde man zuerst die Heizungsanlage erneuern, so wäre diese nach einer später erfolgten Dämmung überdimensioniert und würde unwirtschaftlich arbeiten.

 

Behauptung 2: Errechnete Energieeinsparung tritt oft nicht ein

Dass der errechnete Energiebedarf und bei Sanierungen die errechnete Energieeinsparung oft nicht eintreffen, liegt in der Natur der Sache: Errechnet wird nämlich der theoretische Bedarf, nicht der tatsächliche Verbrauch. Der tatsächliche Verbrauch hängt stark vom Nutzerverhalten ab. Das Normberechnungsverfahren dient jedoch dazu, verschiedene Gebäude vergleichbar zu machen. Nur “benutzerbereinigte” Ergebnisse zeigen objektiv die energetische Qualität eines Gebäudes an. Im Geschosswohnungsbau verbrauchen, bei identischen Wohnungen, die verschwenderischsten Bewohner meist ein Vielfaches von dem der sparsamsten.

Nach Energetischen Sanierungen tritt noch ein weiteres Phänomen auf: Das Verhalten der Bewohner ändert sich. Die Wohnräume werden nun nicht mehr auf 19 Grad Celsius geheizt, sondern oft auf 23 Grad oder mehr. Die Heizkosten betragen ja trotzdem weniger als vorher. Warum sich also einschränken? Die Kostenersparnis verführt zur Verschwendung, da sich die Rückkopplung auf den eigenen Geldbeutel verringert hat. “Rebound-Effekt” heißt das im Fachjargon.

Eine Forschungsstudie der beiden Aachener Wissenschaftler Reinhard Madlener und Maximilian Hauertmann, die im Jahr 2011 unter dem Titel “Rebound Effects in German Residential Heating” veröffentlicht wurde, stellte einen Rebound-Effekt von 12 % bei Eigenheimbesitzern, 40 % bei Mietern und 49 % bei Mietern unterer Einkommensschichten fest. Das verblüfft, lässt sich aber erklären: Eigenheimbesitzer befassen sich mit der Thematik intensiver und wissen deshalb besser über den Einfluss ihres Verhaltens Bescheid. Zudem haben sie eigenes Geld investiert, weshalb sie motiviert sind, sich sparsam zu verhalten, damit sich die Maßnahme auch rechnet. Mietern dagegen wird die energetische Sanierung vom Vermieter aufoktroyiert, weshalb ihr Interesse am Energiesparen meist gering ist. Bei den unteren Einkommensschichten kommt hinzu, dass sie sich vorher oft gewaltig einschränken und an kalten Wintertagen auch Temperaturen unter 19 Grad Celsius ertragen mussten.

 

Behauptung 3: Dämmmaßnahmen sind oft unwirtschaftlich

Aussagen über die Wirtschaftlichkeit von Energieeffizienz-Maßnahmen sind immer spekulativ. Denn ob sich die Investition für den Bauherrn finanziell lohnt, hängt maßgeblich von der Energiepreisentwicklung ab. Und die ist schwer vorhersagbar. Setzt man einen jährlichen Anstieg von 1,3 % an, ergibt sich nach 30 Jahren ein Anstieg von 43 %. 5 % führen zu einem Anstieg von 311 %. Nimmt man den Anstieg des Heizölpreises von 27 auf 69 € zwischen 2003 und 2013 als Rechenbasis, dann bedeutet das in 30 Jahren einen Anstieg um fast 1.500 %. Deshalb waren die Investitionen in Energieeffizienz in der Vergangenheit so gut wie immer wirtschaftlich.

Dass die Energiepreise jahrelang stetig anstiegen und seit einiger Zeit wieder sinken, hat mit dem Klimawandel allerdings nichts zu tun, sondern ergibt sich in unserer Marktwirtschaft aus Angebot und Nachfrage. Das Dogma, das sich alles “rechnen” muss, ist deshalb kritisch zu hinterfragen. Der Klimawandel ist nämlich keine betriebswirtschaftliche Herausforderung, sondern allenfalls eine volkswirtschaftliche, in erster Linie aber eine ethische. Wir müssen uns die Fragen stellen: Wollen wir das Klima nur dann schützen, wenn wir daraus einen finanziellen Gewinn ziehen? Wollen wir damit aufhören, das Klima zu schützen, wenn die Energiepreise nicht stark genug steigen? Ist uns unsere Zukunft überhaupt etwas wert? Und wenn ja: Wie viel ist uns unsere Zukunft wert?


ÜBER GÜNTHER HARTMANN

Günther Hartmann studierte Architektur an der Technischen Universität München, arbeitete nach dem Diplom zunächst in verschiedenen Architekturbüros und nach weiteren beruflichen Stationen als Redakteur für eine Baufachzeitschrift. Seit 2013 ist er als Referent für Energieeffizientes Bauen beim Landesinnungsverband des Bayerischen Zimmererhandwerks tätig. 2013/14 absolvierte er bei der Handwerkskammer für München und Oberbayern die Ausbildung zum Energieberater.

www.zimmerer-bayern.com


22.07.2019 19:13:44