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GRENFELL: INDIZIEN AUF DIE BRANDURSACHE

Die Dämmung spielte nach ersten Erkenntnissen der Untersuchungskommission beim Brand im Grenfell Tower nicht die wesentliche Rolle.


DIE DÄMMUNG WAR NICHT DIE URSACHE

Die Wetterschutzverkleidung war die Ursache dafür, dass sich der Brand am Grenfell Towers ausbreiten konnte – so die Ergebnisse des Zwischenberichts der Untersuchungskommission. In dem 67 Meter hohen Hochhaus im Londoner Stadtteil Kensington waren am 14. Juni 2017 72 Menschen gestorben.

 

Jedes Feuer hat seine eigene Dynamik. Es sucht sich seine Wege, unabhängig davon, ob Bau- und Sicherheitsvorschriften eingehalten wurden oder nicht. Im Nachhinein ist es dann Aufgabe von Experten, zu analysieren und zu bewerten, wie es zu einem Brand kommen und wie er sich ausbreiten konnte. Im Falle des Brandes in London startete eine Untersuchungskommission bereits kurz nach dem Brand ihre aufwendige Arbeit. Die ersten öffentlichen Anhörungen im Rahmen der Grenfell Inquiries begannen im Mai 2018. Und jetzt, kurz vor dem Ende der ersten Phase der Untersuchung, zeigt sich, dass unter anderem eine Besonderheit in der Montage für die schnelle Ausbreitung des Brandes verantwortlich ist.


GRENFELL: WETTERSCHUTZVERKLEIDUNG FÜR AUSBREITUNG DES BRANDES VERANTWORTLICH

Während bei einem Wärmedämm-Verbundsystem (WDVS) der Dämmstoff direkt auf der Wand angebracht, armiert, verputzt und gestrichen wird und damit auch gleichzeitig die Außenwand darstellt, ist die sogenannte hinterlüftete Vorhangfassade, die in London verwendet wurde, anders aufgebaut. Zwischen dem Dämmstoff und der Außenfassade wird ein Spalt gelassen. In London war das ein Zwischenraum von 140 bis 150 Millimeter. Entsteht im Bereich der Fassade ein Feuer, kommt es in der Hinterlüftung zu einer Sog- bzw. Kaminwirkung. Der Brand kann sich so schnell von unten nach oben ausbreiten. In London bestand die sogenannte Wetterschutzverkleidung aus einer vier Millimeter dicken Polyethylen-Platte, die von einer 0,5 Millimeter starken Schicht aus Aluminium umgeben war, sogenannte Aluminium Composite Panels, kurz ACP-Paneele. "Es muss an dieser Stelle betont werden, dass die Wärmedämmung aus Polyurethan/Polyisocyanurat gar nicht das ausschlaggebende Element war, sondern vielmehr die ACP-Paneele", schreibt Prof. Michael Reick, Kreisbrandmeister im Landkreis Göppingen und Mitglied im Fachausschuss Vorbeugender Brand- und Gefahrenschutz der deutschen Feuerwehren in der Deutschen Feuerwehr-Zeitung im Beitrag "Brand im Grenfell Tower – erste Erkenntnisse".


Struktur einer hinterlüfteten Vorhang-Fassade
Struktur einer hinterlüfteten Vorhang-Fassade

Brand erfasste 19 Stockwerke in 36 Minuten

Etwas voreilig hatten sich Experten nach dem Brand geäußert und "die Polystyrol-Industrie" für das Inferno mitverantwortliche gemacht. Heute ist klar: 1. Es war kein Polystyrol verwendet worden, sondern Polyurethan/Polyisocyanurat sowie Phenol-Hartschaum und 2. hat sich der Brand über die Wetterschutzkleidung ausgebreitet. Dadurch, dass die Brandausbreitung zunächst "fast nur in vertikaler Richtung senkrecht nach oben verlief, ließe das auf eine Beteiligung der Verkleidung (ACP-Paneele) schließen", schreibt Michael Reick in seinem Bericht. Innerhalb von einer halben Stunde (36 Minuten) kletterte der Brand 19 Etagen hoch. Nach Erkenntnissen des Energieinstituts Hessen sei der Dämmstoff nach dem Brand ganz oder in Teilen noch vorhanden gewesen. Zudem zeigen Bilder offenbar gelben Dämmstoff an den Wänden, ein Indiz auf das Material Polyurethan – und nicht auf Polystyrol.

 

Die Brandursache: Ein defekter Kühlschrank

"Die Ursache für den Brand in London war ein defekter Kühlschrank", erläutert Hinderk Hillebrands vom Deutschen Energieberater-Netzwerk (DEN), dem es wichtig ist, die Diskussion auf die Brandlasten und Brandauslöser zu richten – und nicht sämtliche Schuld "auf die Fassade zu schieben". Nach Erfahrungen von Brandmeister Dietmar Rieth sind "neben dem brennbaren Mobiliar zunehmend schadhafte Elektrogeräte die eigentlichen Ursachen und Brandauslöser." Eins ist für die Experten vom DEN klar: Wärmedämmung und Brandschutz schließen sich nicht aus. Doch sollten energetische Sanierungen immer auch von qualifizierten Experten begleitet werden.




06.12.2018 21:46:53